Wer ist schizoid? Ich?

Wer kennt das nicht, man liest ein Buch über psychologische Charakterisierungen oder ein medizinisches Buch über Krankheiten und an irgendeiner Stelle denkt man sich: “Halt! Das hab ich ja schon lange.” oder “Das bin ja ich!” oder “Das hab ich. Ich bin krank” – hier kann ich schon mal sagen, ich beneide Ärzte nicht um ihren Beruf. Das ist also nichts Neues.
Man hofft natürlich derartige Erlebnisse bei seriöser Literatur zu haben. Wer erkennt sich schon gerne in einer Romanfigur von Rosamunde Pilcher wieder?

Naja so weit also alles klar. Ich habe heute zufälligerweise das Buch “Grundformen der Angst” von Fritz Riemann in die Hände bekommen und seine Art zu Schreiben hat mich wider Erwarten überzeugt. Gut, ich habe da immer wieder einen gewissen Heidegger herausgehört, aber das ist ja beim Thema “Angst” auch nicht weit entfernt. (Das darf man jetzt auffassen wie man will.)

Umso seltsamer habe ich mich gefühlt, als ich dann später las, dass Riemann auch für seine Arbeiten zur Astrologie bekannt ist. Das war dann schon mal eher ein Dämpfer. Gut, vielleicht habe ich da ein paar Vorurteile, aber nach den “Grundformen der Angst” gelobe ich, mir wenigstens das Buch von Riemann über Astrologie anzusehen, denn, jemand, der eine derartige Auffassungsgabe und Menschenkenntnis an den Tag legt, muss doch auch zumindest in seinen Marotten ernst genommen werden.

Aber was rede ich lange um den heißen Brei herum? Ich habs ja schon in der Überschrift gesagt, die Angstform, die am ehesten auf mich zutrifft ist die schizoide Angstform.
Ich muss zugeben, mir ist beim Lesen irgendwie immer schlechter geworden und ich fühle mich gerade ein bisschen “erkannt”. Seltsam dass man sich beim “Erkanntsein” nicht besser fühlt. Die Aussichten, die Riemann für einen schizoiden Menschen zeichnet sind ja aber auch nicht sehr rosig. Besonders nett sind die prosaischen Versuche, diese Form der Angst zu erklären.

“Im Rahmen seiner Ausbildung sollte ein Student ein Referat hal-
ten. Kontaktlos, wie er war, zugleich »arrogant« – hinter welcher
Haltung er seine Unsicherheit verbarg – kam er nicht auf den Ge-
danken, einen Kollegen zu fragen, wie so etwas üblicherweise ge-
handhabt würde. Er quälte sich allein mit Problemen herum, die
nur in ihm, nicht in der Sache lagen. Er war sich völlig unsicher
darüber, ob seine Ausführungen den Erwartungen entsprechen
würden, schwankte in ihrer Beurteilung zwischen Selbstüberschät-
zung und Minderwertigkeitsgefühlen, indem sie ihm einmal großar-
tig, ja einmalig-genial erschienen, dann wieder als völlig banal und
ungenügend. Es fehlten ihm eben die Vergleiche mit den Referaten
anderer. Er meinte, es sei vor den Kollegen peinlich und er würde
sich etwas vergeben, wenn er sie um Rat gefragt hätte – er wußte
nicht, daß so etwas durchaus üblich war. So hatte er wegen seiner
Unbezogenheit ganz überflüssige und überwertige Ängste, die er
sich weitgehend hätte ersparen können, wäre er in natürlichem,
kollegialem Kontakt gestanden.”

Was soll man das sagen, das hört sich ja noch irgendwie ertragbar an, aber:

Nicht selten zerstört der schizoide Partner auch alle zärtlichen
Regungen bei sich und dem Partner durch Zynismus, um sich von
ihnen nicht erfassen zu lassen. In einem Augenblick besonders
inniger Zuwendung des Partners, trifft er diesen seelisch an seiner
verletzlichsten Stelle, indem er seine Haltung, seinen Gesichtsaus-
druck oder seine Worte ironisierend ins Lächerliche zieht: »Mach
doch nicht so hündisch treue Augen«; »wenn du wüßtest, wie ko-
misch du eben ausgesehen hast«; oder: »laß doch diese albernen
Liebesbeteuerungen und kommen wir endlich zur Sache« usf.

Tja, das ist nur eine von vielen Stellen, die man hier zitieren könnte. Umso schlimmer, dass sich der Schizoide eben auch nicht helfen lässt. Weil der Drang zur Individualität, die Abkapselung von der Gesellschaft jeden Versuch um Hilfe zu bitten von vornherein unmöglich machen.

Tja schlecht Aussichten für mich…

Vielleicht sollte ich in der nächsten Zeit die Hände von Büchern lassen, die in großer Nähe zur Lebensratgeberliteratur stehen.?!? Das wäre dann wenigstens der Grund für eine ehrliche Abneigung. Schließlich sind negative Ahnungen ein bisschen zu schwammig, das ist dann also eine neue Ebene, pragmatische Abneigung. Kann man darauf stolz sein oder ist das bloß der Individualisierungsdrang eines Schizoiden?

3 Kommentare to “Wer ist schizoid? Ich?”

  1. nur weil es so ist, muss es ja nicht so bleiben. es gibt doch immer mehr wege, wenn ich erkenne. der eine, er ist die akzeptanz dieser erkentnis, aus der heraus neues entstehen kann. der andrre, er ist die resignation, ein fallen in die ohnmacht, in die unveraenderlichkeit, die uns zu stagnation bringt und uns vor unserem wesen kapitulieren laesst.
    es gibt wahrscheinlich noch unzaehlige solcher wege…
    lass dich nicht ueberwaeltigen von deinen unzulaenglichkeiten, lache ihnen zu und bedanke dich bei ihnen – sie sind der weg zur entwicklung.
    in diesem sinne,
    heiter weiter,
    michael.

  2. Ich habe das Buch von Riemann schon vor einigen Jahren gelesen, und habe dadurch mich selber und viele andere besser verstehen gelernt. Das “Problem” bei Riemann mag sein, dass die Typen ja ziemlich “krank” tönen…. es ist ja nicht grad ein Kompliment wenn man als ein “Schizoider” oder “Depressiver” bezeichnet wird – oder sich darin wieder erkennt. Ich selber habe die eigene Bezeichnungen entwickelt, die meiner Meinung nach treffender sind. Schizoid bezeichne ich als Rittermenschen. Wie ein Ritter ziehen es diese Menschen vor, sich gut zu schützen und trauen nicht vornweg jedem. “Ich bin mein bester Freund – und trauen kann ich nur mir selber” (Schlieslich muss man im Kampf genau wissen auf wen man sich verlassen kann). Ritter lieben die Unabhängikeit, ziehen in die Ferne und kommen wieder zurück… dabei reiten sie ihr eigenes Pferd…. Ritter sind Realisten, gute Beobachter, nüchtern und sachlich (Im Krieg kann man Gefühlsduselei nicht gebrauchen…)… etc. Ich denke man sollte den Focus auf die vier Qualitäten lenken; Was sind die Qualitäten eines Schizoiden bzw. eines Rittermenschen? Er ist aufrichtig, integer, sich selber treu, unabhängig, selbstbewusst und selbstbestimmt…und braucht eben seine Unabhängigkeit und seine Freiheit. Er lässt sich nicht blenden von der “Gefühlsduselei” der Depressiven, sagen nicht 30 mal am Tag “Ich liebe dich ” zum Partner – aber istvielleicht in der Tiefe liebesfähiger als die romantisch-verklärten Depressiven die mit “ohne dich kann ich nicht leben” andere abhängig machen wollen…
    Schizoid, depressiv, zwanghaft und hysterisch ist kein “Schicksal”, sondern beinhalten unterschiedliche Qualitäten und jeder hat seine spezifischen Lebensprobleme. Die Kunst ist, die Eigenart der andern zu verstehen.. und das Beste aus seinen Anlagen zu machen.
    Gruss aus der Schweiz
    Marcel

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