Ich habe in den letzten Tagen (das ist eigentlich Untertreibung) über Dichterphilosophen nachgedacht. Wenn man das tut, dann kommt einem natürlich dieser Nietzsche in den Sinn. Der war ja Dichterphilosph in mehrerer Hinsicht. Selbsternannter Dichterphilosoph, als Grenzüberschreiter. Selbsternannter Dichterphilosoph als Selbstinszenierung. Ausgezeichneter Dichterphilosoph als Abgrenzung zur “faden” Schulphilosophie. Dichterphilosoph als Vereinigung zweier Welten.
Aus der gewollt naiven Angehensweise und da kommt einem immer die Phänomenologie in den Sinn, kann man natürlich immer auch vom dichten Philosophen sprechen.
Irgendwer hat ja gesagt, Dichtung, das ist so ähnlich wie gepresstes, quasi komprimiertes Sein. Aus der Sicht des Lesers denkt man da an Lyrik, Aphorismen, Zurechtgeschliffenes, Glasklares und Zusammengezogenes. Gleichzeitig spricht man bei uns, ich habe keine Ahnung ob das überall so ist, ja auch von “dicht”, also jemand sei “dicht”, wenn jemand betrunken ist. “Der Typ ist dicht”, der ist betrunken.
Ob damit gemeint ist, dass jemand “randvoll” ist, “dicht gefüllt” bis zum Flaschenrand und nichts mehr vertragen kann oder in seinen Gedanken dicht gepresst (das wäre eigentlich unpassend), ich weiß es nicht.
Dichterphilosophen sind ja zumeist eher Philosophen als Dichter, sagen wir es so. Man kommt vom Theoretisieren, vom Formalzusammenhang hinein ins Poetische. Man nutzt prophetische Formen des Sagens und Fiktionen, nicht nur als Metaphorik und Beispielhaftigkeit, um irreduzible Dinge des Lebens auszudrücken, die sich im apollinischen Sprachformalzwang einfach nicht darstellen lassen.
Wir bewegen uns also weg von der Ausweisung Nietzsches aus dem Kanon der “Philosophen”, die systematische Ausarbeitungen und Analysen liefern und kommen zur wild wuchernden Sprache und zum Leben, das sich dem Formalzugang vielleicht irgendwie versperrt.
Ich sage jetzt natürlich nicht, dass ich das so sehe, dass irgendetwas, wenn nicht sogar alles nicht formal beschrieben werden könnte, aber auf jeden Fall fällt es uns, die wir ja nicht alles wissen oft leichter, anzunehmen, dass einige Dinge, von unserem jetzigen Wissensstand her nicht erklärbar sind, durch poetischen Zugang zugänglich sind.
Das ist natürlich immer auch eine etwas seltsame Art mit den beiden Formen Philosophie und Literatur umzugehen, weil man dadurch immer auch schon Ansprüche an jede dieser Formen mitsetzt und Kompetenzen verteilt, bevor überhaupt noch klar ist, was denn das eine oder das andere leisten soll/kann/muss. Ich würde sagen, dass das immer schon von einer Position aus gemacht wird, die notwendig mindestens eine Form, nämlich die jeweils andere, falsch einschätzt. So weit, zu behaupten, dass das Formale überholt und durch das Chaotische abgelöst sei, würde ich nicht gehen.
Umgekehrt geht es dann schon nicht mehr so leicht, weil jede Art des Theoretisieren im Poetischen immer im Poetischen bleibt. Es ist dann eben ein Theoretisieren als Fiktion, wohingegen ich Theoretisieren aus der Fiktion heraus eher als minderes Qualitätssigel verstehen würde. Das sind oftmals schlechte Autoren, die irgendeiner Ideologie anhängen, oder, vielleicht ist das schlecht ausgedrückt, Autoren, die unbedingt etwas sagen wollen, was auf Formalebene einfacher, klarer und unverschleiert hätte gesagt werden können.
Der poetische Zugang ist dann nur Instrument oder Stilisierung des Begrifflichen.
Das ist natürlich auch schon wieder eine Festlegung der Aufgabe oder der Nicht-Aufgabe der Kunst meinerseits, weil ich damit wieder sage: Das Poetische darf in bestimmter Weise nicht ins Begriffliche hineinragen. Da lehne ich mich weit aus dem Fenster und so viel wollte ich eigentlich garnicht sagen. Ich bin wieder einmal verzweifelt.
Dichterphilosophen
21 Kommentare to “Dichterphilosophen”
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bezüglich Klassiker: das mit dem “typischen” Klassiker verstehe, allerdings muss ich zugeben, dass ich mich in den letzten Jahren immer weiter rückwärts bewege. Manche Dinge sind nicht umsonst sehr bekannt.
Wenn man den quasi naturwissenschaftlichen Zusammenhang von den Wahlverwandtschaften anschaut, dann kann einem nichts übrig bleiben, als von Zeitlosigkeit zu sprechen. Gleichzeitig baut er auch wissenschaftliche Erklärungen mit ein. Elemente ziehen sich an und stoßen sich ab, setzen sich zu Strukturen zusammen und genau nach diesem Prinzip, das er also vorher eine der Figuren erklären lässt, werden experimentell Beziehungszusammensetzungen durchgeführt. Das ist unglaublich, sowas als mit dem wohl verdienten Wort “klassisch” zu rühmen und aber auch gleichzeitig auch abzutun ist eigentlich schade. Wirklich, kanns nur empfehlen. Das macht viele andere Dinge unnötig.
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Ist nicht die Frage eher, ob das Poetische noch so ganz rein sein kann, wenn es sich am Philosophischen reibt? Ich finde ja diese Trennung, die hier mit guten Gründen eingefordert wird, in der Sache nicht nur problematisch, sondern symptomatisch – für den Verfall eines gesellschaftlichen philosophischen Könnens. Worüber schreibt ein Schriftsteller, der kein Kitschier ist, wenn nicht über philosophische Themen? Ist echte Philosophie nicht immer Poesie? Das wäre mein Verdacht. Dichtung, die etwas taugt, verhält sich zum Leben aufrichtig, und Philosophie tut dasselbe. Natürlich, wenn man dann mit Sartres Romanen wedelt, der seine dicken Heideggerianer-Schwarten herunterkochen wollte zur geistigen Volksspeisung (mal etwas polemisch gesagt), also unter Umformulierung dieses “Das Sein und das Nichts”-Jargons, oder Camus, der seinerseits im Fahrtwind des Existentialismus zum schillernden Illustriertendichter avancierte – ich weiß nicht, ob das ganz fair ist. Ich bleibe dabei, dass ein echter Dichter immer die Probleme eines echten Philosophen behandelt. Worüber sollte er sonst schreiben? Es gibt ja keine anderen Themen! Aber geistig ist unsere Zeit eben so auf den Hund gekommen, dass am Ende noch Paolo Coelho angeschleppt wird, und dann ist die ganze Diskussion im Eimer, weil jeder seinen privaten Wischiwaschi-Texter parat hat und sich nicht eingestehen will, dass er das Zeug nur aus einer sehr bourgeoisen, auch ja sehr verständlichen, nichtsdestoweniger aber rein privatistischen und eigentlich idiotischen Schwäche und Sehnsucht heraus liest.
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Ja, mir Unordentlichkeit vorwerfen, wenn man ein Thema so allgemein aufreißt! Das ist doch eine Sauerei!
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Ich glaube, was bei Dir vorliegt, ist ein Verlust an Naivität. Goethe z. B. hatte diese Naivität ja noch in einem unvorstellbaren Maße. Der hielt sich ja wirklich für unsterblich, und darum war er’s auch. Auch seine naturwissenschaftlichen Betätigungen, dieses Polemisieren gegen Newton, der einfach RECHT hatte, während er, Goethe, sich in die Hermetik seiner Farbirrlehren flüchtete … großartig. Und das können wir aber nicht sein, so babyhaft-rosig naiv, weil wir ein schlechtes Gewissen haben: Da gab’s doch den Hegel. Der große Hegel, der hat alles so wunderbar auf den Begriff gebracht. Der hat die Arbeit der Begriffe erfunden, immerhin humaner als Kinderarbeit, aber wirklich gut – wirklich gut denn auch nicht. Und seitdem ist’s aus mit Goethe-Maske-Aufsetzen und durch den Garten spazieren. Oder, Pathoblogus? Ist doch alles ein Krampf. Und seitdem klotzt man einfach ein paar Begrifflichkeiten auf den Jakobsweg, und ab geht’s mit reinem intellektuellen Gewissen in die Bestsellerligen. Ich fasele, ja – aber ich bin auch noch nicht besoffen! Goethe hat ja auch viel getrunken, das ist ja bekannt usw.