Dichterphilosophen

Ich habe in den letzten Tagen (das ist eigentlich Untertreibung) über Dichterphilosophen nachgedacht. Wenn man das tut, dann kommt einem natürlich dieser Nietzsche in den Sinn. Der war ja Dichterphilosph in mehrerer Hinsicht. Selbsternannter Dichterphilosoph, als Grenzüberschreiter. Selbsternannter Dichterphilosoph als Selbstinszenierung. Ausgezeichneter Dichterphilosoph als Abgrenzung zur “faden” Schulphilosophie. Dichterphilosoph als Vereinigung zweier Welten.
Aus der gewollt naiven Angehensweise und da kommt einem immer die Phänomenologie in den Sinn, kann man natürlich immer auch vom dichten Philosophen sprechen.
Irgendwer hat ja gesagt, Dichtung, das ist so ähnlich wie gepresstes, quasi komprimiertes Sein. Aus der Sicht des Lesers denkt man da an Lyrik, Aphorismen, Zurechtgeschliffenes, Glasklares und Zusammengezogenes. Gleichzeitig spricht man bei uns, ich habe keine Ahnung ob das überall so ist, ja auch von “dicht”, also jemand sei “dicht”, wenn jemand betrunken ist. “Der Typ ist dicht”, der ist betrunken.
Ob damit gemeint ist, dass jemand “randvoll” ist, “dicht gefüllt” bis zum Flaschenrand und nichts mehr vertragen kann oder in seinen Gedanken dicht gepresst (das wäre eigentlich unpassend), ich weiß es nicht.
Dichterphilosophen sind ja zumeist eher Philosophen als Dichter, sagen wir es so. Man kommt vom Theoretisieren, vom Formalzusammenhang hinein ins Poetische. Man nutzt prophetische Formen des Sagens und Fiktionen, nicht nur als Metaphorik und Beispielhaftigkeit, um irreduzible Dinge des Lebens auszudrücken, die sich im apollinischen Sprachformalzwang einfach nicht darstellen lassen.
Wir bewegen uns also weg von der Ausweisung Nietzsches aus dem Kanon der “Philosophen”, die systematische Ausarbeitungen und Analysen liefern und kommen zur wild wuchernden Sprache und zum Leben, das sich dem Formalzugang vielleicht irgendwie versperrt.
Ich sage jetzt natürlich nicht, dass ich das so sehe, dass irgendetwas, wenn nicht sogar alles nicht formal beschrieben werden könnte, aber auf jeden Fall fällt es uns, die wir ja nicht alles wissen oft leichter, anzunehmen, dass einige Dinge, von unserem jetzigen Wissensstand her nicht erklärbar sind, durch poetischen Zugang zugänglich sind.
Das ist natürlich immer auch eine etwas seltsame Art mit den beiden Formen Philosophie und Literatur umzugehen, weil man dadurch immer auch schon Ansprüche an jede dieser Formen mitsetzt und Kompetenzen verteilt, bevor überhaupt noch klar ist, was denn das eine oder das andere leisten soll/kann/muss. Ich würde sagen, dass das immer schon von einer Position aus gemacht wird, die notwendig mindestens eine Form, nämlich die jeweils andere, falsch einschätzt. So weit, zu behaupten, dass das Formale überholt und durch das Chaotische abgelöst sei, würde ich nicht gehen.
Umgekehrt geht es dann schon nicht mehr so leicht, weil jede Art des Theoretisieren im Poetischen immer im Poetischen bleibt. Es ist dann eben ein Theoretisieren als Fiktion, wohingegen ich Theoretisieren aus der Fiktion heraus eher als minderes Qualitätssigel verstehen würde. Das sind oftmals schlechte Autoren, die irgendeiner Ideologie anhängen, oder, vielleicht ist das schlecht ausgedrückt, Autoren, die unbedingt etwas sagen wollen, was auf Formalebene einfacher, klarer und unverschleiert hätte gesagt werden können.
Der poetische Zugang ist dann nur Instrument oder Stilisierung des Begrifflichen.
Das ist natürlich auch schon wieder eine Festlegung der Aufgabe oder der Nicht-Aufgabe der Kunst meinerseits, weil ich damit wieder sage: Das Poetische darf in bestimmter Weise nicht ins Begriffliche hineinragen. Da lehne ich mich weit aus dem Fenster und so viel wollte ich eigentlich garnicht sagen. Ich bin wieder einmal verzweifelt.

21 Kommentare to “Dichterphilosophen”

  1. Das Poetische darf in bestimmter Weise nicht ins Begriffliche hineinragen.

    Ich hätte gesagt, dass das Poetische nicht (ausschließlich) der Darstellung des Begrifflichen dienen darf, sonst verliert es seinen eigenen Wert. Die Kunst ist, dennoch zwischen beiden eine Beziehung oder eine Wechselwirkung entstehen zu lassen, dass man das Begriffliche im Poetischen finden kann, aber nicht muss, und dass das Poetische für sich selbst stehen kann.

    Mein Paradebeispiel wäre Camus.

    • Du liegst natürlich richtig. Allerdings sind mir die französischen Dichterphilosophen, oder auch Philosophendichter (zu denen ich z.B. Sartre eher zählen würde) ein bisschen zu plump. Das ist auch der Grund, warum ich z.B. prosaische Erklärung philosophischer Zusammenhänge in den philosophischen Werken von Sartre weitaus schöner finde, als seine eigentliche Prosa.

      Als Paradebeispiel, das sich irgendwie keiner Seite zurechnen lässt, würde ich eindeutig Goethe zählen.
      Das schlimme bei Goethe ist ja noch dazu, dass er an bestimmten Stellen direkt Theorieentwürfe in die dichterischen Werke einflicht, die bleiben durchaus nachvollziehbar und authentisch und trotzdem bleiben sie Fiktion. Das ist immer sehr schwer zu verdauen, weil man, wenn man etwas von einem Dichter liest, das er als vertretenswert beschreibt, immer auch annimmt, dass er es irgendwie selbst vertritt. Dabei wird man von Goethe immer alleingelassen. Dieser Kerl konnte jede Meinung bis in die Struktur hinein verstehen, ohne sie vertreten zu müssen. Irgendwie beängstigend.

      • Vielleicht hängt das mit ihrem “Gegenstand” zusammen. Sartre kenne ich im Grunde nicht, aber bei Camus würde ich von “grob” sprechen, und das auf die existenzielle Ebene beziehen, die durchschimmert, und die man immer wieder spürt: Nicht alle menschlichen Regungen sind feingliedrig – die basalen wahrscheinlich am wenigsten.

        Goethe ist bei mir leider ein typischer Klassiker: Zu wenig gelesen (aber den Fehler darf man prinzipiell nicht machen: Glauben, dass das so erlebt wurde; was eher stimmt sind die Sehnsüchte und Ängste etc.).

  2. bezüglich Klassiker: das mit dem “typischen” Klassiker verstehe, allerdings muss ich zugeben, dass ich mich in den letzten Jahren immer weiter rückwärts bewege. Manche Dinge sind nicht umsonst sehr bekannt.

    Wenn man den quasi naturwissenschaftlichen Zusammenhang von den Wahlverwandtschaften anschaut, dann kann einem nichts übrig bleiben, als von Zeitlosigkeit zu sprechen. Gleichzeitig baut er auch wissenschaftliche Erklärungen mit ein. Elemente ziehen sich an und stoßen sich ab, setzen sich zu Strukturen zusammen und genau nach diesem Prinzip, das er also vorher eine der Figuren erklären lässt, werden experimentell Beziehungszusammensetzungen durchgeführt. Das ist unglaublich, sowas als mit dem wohl verdienten Wort “klassisch” zu rühmen und aber auch gleichzeitig auch abzutun ist eigentlich schade. Wirklich, kanns nur empfehlen. Das macht viele andere Dinge unnötig.

    • Nein, so meinte ich es nicht. Typischer Klassiker soll heißen, dass ihn (quasi) alle kennen, aber “keiner” gelesen hat. Ganz unabhängig von seiner Qualität.

      • Naja, macht nichts. Eins stimmt aber leider, dass uns das Prädikat “Klassiker” von einigen Dingen abhält, eigentlich schon deshalb, weil das dem Ganzen irgendwie einen großen Teil an Leben raubt. Auf jeden Fall kann ich nur meine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen.

        Was aber wohl stimmt, ist, dass nur wenige Leute Goethe wirklich gelesen haben, natürlich abgesehen vom obligatorischen Vorbeilesen am Faust vor der Matura.

        Lustigerweise hat meine Vorliebe für Goethe ja ihren Ursprung in einem ganz anderen Medium: nämlich im Hörspiel. “Novelle” in einer ziemlich am nah am Original gehaltenen Hörspielfassung von Max Ophüls!!! Mit Oskar Werner als Erzähler. Das hat mich einfach fertig gemacht, ich kanns garnicht beschreiben.

      • Ich bin auf Goethe vor ein paar Jahren erst aufmerksam geworden, als eine ebenfalls Begeisterte sein Werk als hermetisch beschrieben hat – was mir gar nicht in den Sinn gekommen wäre, schon einfach des Klassikerdaseins wegen.

        Was ich an Goethe faszinierend finde, wenn ich es auch nur aus zweiter Hand kenne, ist seine Haltung gegenüber der Naturwissenschaft (oder einer bestimmten Art von Naturwissenschaft) – er hat ja angeblich seine Farbenlehre als sein wichtigstes Werk bezeichnet.

        Das mit dem Hörspiel kann ich mir gut vorstellen, es ist frappierend wie sehr das Geschriebene doch am Gesprochenen hängt, wenn man ein Gedicht oder eine Stück Prosa einmal laut liest (nur hören sollte mich niemand dabei…).

        Ich bin mir ziemlich sicher wieder einmal bei Goethe (und auch Schiller, dessen Balladen mich fasziniert haben) zu landen. Zur Zeit allerdings weile ich bei Schopenhauer, und bin überrascht wie gut er sich liest.

  3. bzgl. Goethe “hermetisch”: ich weiß nicht recht. ich kann mir schon vorstellen, auf was da in etwa Bezug genommen wurde, es herrscht auch jetzt die Tendenz vor, Goethe über Umwege zu modernisieren. Ich habe da schon seltsame Sachen gelesen, die so ziemlich jeden auch nur halbwegs bekannten modernen Theoriediskurs (Struktur, Post-Struktur, Hypertext, Symbole, Intersubjektivität, Dekonstruktion, Mythenforschung und und und) in Goethe hineinlesen, ja nicht nur hineinlesen. Sie sehen teilweise in Goethe die Begründung zu allem was eben gerade gefällt. Das ist eben das Problem mit guten Autoren, sie sind für jeden fruchtbar (aber ist das wirklich ein Problem?)

    Ich bin zwar mit den meisten Sekundärdiskursen über Goethe vertraut, aber ich neige dazu eine intuitive Lesart zu bevorzugen. Ich glaube, dass Goethe selbst, auch bei aller Vielschichtigkeit, seine Meisterschaft nicht in der Rätselhaftigkeit gesucht hat.

    Was Schopenhauer betrifft, so ist das natürlich ein Vorzug, dass er sich gut lesen lässt. Wenn man von literarisch begabten Philosophen spricht, dann fällt sein Name, zumindest meines Wissens, oft an erster Stelle.

  4. Klar, die Offenheit oder Vielschichtigkeit von Texten ist ein Qualitätsmerkmal, sie bleiben dann mitunter sogar für die Menschen anderer Jahrhunderte bedeutsam.

    Es ist wahrscheinlich immer besser die Texte selbst zu lesen, als sich von zweiter Hand füttern zu lassen – man lernt am Ende mehr, denkt selbst, und findet seine eigene Sicht.

  5. Ist nicht die Frage eher, ob das Poetische noch so ganz rein sein kann, wenn es sich am Philosophischen reibt? Ich finde ja diese Trennung, die hier mit guten Gründen eingefordert wird, in der Sache nicht nur problematisch, sondern symptomatisch – für den Verfall eines gesellschaftlichen philosophischen Könnens. Worüber schreibt ein Schriftsteller, der kein Kitschier ist, wenn nicht über philosophische Themen? Ist echte Philosophie nicht immer Poesie? Das wäre mein Verdacht. Dichtung, die etwas taugt, verhält sich zum Leben aufrichtig, und Philosophie tut dasselbe. Natürlich, wenn man dann mit Sartres Romanen wedelt, der seine dicken Heideggerianer-Schwarten herunterkochen wollte zur geistigen Volksspeisung (mal etwas polemisch gesagt), also unter Umformulierung dieses “Das Sein und das Nichts”-Jargons, oder Camus, der seinerseits im Fahrtwind des Existentialismus zum schillernden Illustriertendichter avancierte – ich weiß nicht, ob das ganz fair ist. Ich bleibe dabei, dass ein echter Dichter immer die Probleme eines echten Philosophen behandelt. Worüber sollte er sonst schreiben? Es gibt ja keine anderen Themen! Aber geistig ist unsere Zeit eben so auf den Hund gekommen, dass am Ende noch Paolo Coelho angeschleppt wird, und dann ist die ganze Diskussion im Eimer, weil jeder seinen privaten Wischiwaschi-Texter parat hat und sich nicht eingestehen will, dass er das Zeug nur aus einer sehr bourgeoisen, auch ja sehr verständlichen, nichtsdestoweniger aber rein privatistischen und eigentlich idiotischen Schwäche und Sehnsucht heraus liest.

    • oder Camus, der seinerseits im Fahrtwind des Existentialismus zum schillernden Illustriertendichter avancierte

      Kannst Du das (entpolemisiert) verstehbar schreiben, Deine Kritik an Camus? Weil sie mich nämlich wirklich interessieren würde.

      • Camus hatte eben jene maskuline Attraktivität zu bieten, die Sartre, in einem nicht weniger schlagwortfähigen Maße, mangelte – im Grunde war er der hübsche Bruder des großen Jean-Paul. Darum der Glamour, darum die breite Aufmerksamkeit (die dann wiederum vielleicht sogar auf Sartre, den Gnom, zurückstrahlte); Camus wirkte immer ein bisschen wie der Hollywoodschauspieler, der Jean-Paul Sartre in der Verfilmung von dessen Leben spielte. Obwohl ich DER FREMDE großartig fand, ist der Roman auf seine Art (allein die Erscheinungsweise damals in Deutschland, man erinnere sich, diese rot-schwarzen kargen, eng bedruckten rororo-Bändchen!) die Schmalspurausgabe von DER EKEL. Er war so simpel, und deswegen wirkte er eben wie ein Simpel! Was sehr ungerecht ist. Dann noch sein tragischer Autounfalltod, die exotische Herkunft aus Nordafrika … eine perfekte Legende (“Ein Genie! Und so hübsch! Und dann stirbt der auch noch in den besten Jahren!”), hinter der für meine Generation zumindest der Denker und Autor zurücktreten musste. Dass die Polemik sich weniger auf Camus bezieht (den ich eben nie wirklich entdecken konnte), sondern auf dieses Mythen-Gequatsche des Alltags, sollte jetzt klar sein, hoffe ich.

      • immer wenn ich die komische Camus-Biographie von diesem Oliver Todd in die Hand nehme, oder war das irgendein anderes Buch wo dieses seltsame Bildchen drauf ist, auf dem er mit einem wehenden Mantel und obligatorischem Zigarettenmundwinkel herumsteht, muss ich an eine Mischung aus James Dean und Yves Montand denken. Das steht doch eigentlich schon für mein beschissen verklatschtes Denken. Was soll aber auch falsch sein an so einer Wahrnehmung. Ich meine, ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass sich Sartre und der blöde Cohn-Bendit nicht unglaublich gefilmt gefühlt haben und sogar gerne gefilmt fühlten, als die irgendsoeinen Oberschwamm bei irgendwelchen Studentenschweinereien dahergequatscht haben.

        Diese beschissene Ästhetik war doch eindeutig im Werk von Sartre und Camus angelegt. Da verschwimmt ja immer schon die Grenze zwischen Roman und Drehbuch. – Vielsagende Stille. Regen auf dunkler Straße und alle alles alles ist polypolypolitisch. Sogar jede Lesbenschwulenszene zwischen Masterimpotento Sartre und Emanzobeavo sind filmisch gestellt und unglaublich lakonisch und doch tiefgründig bis zum einschlafen. Dieser ewige Abgrund und das was nicht mehr gesagt werden kann aber müsste aber nicht wird weil…

        Das Ganze war doch von vornherein eine Show, da gab es keine unausgeleuchtete Tiefendimension, außer einer im “Existieren” ausgekotzten Pose.

        Ich muss zugeben, mir haben diese Existentialistensachen nie wirklich zugesagt.

      • Ich kenne nur ein paar Bücher von Camus, sonst weiß ich so gut wie nichts über ihn, aber die gehören zu denjenigen, um die ich immer wieder kreise, und die mich (auch) zum Schreiben nötigen, deswegen die Frage. Aber ich habe das alles auch nicht “live” miterlebt.

      • Das ist mir jetzt zu unordentlich, wenn Du mir nicht sagst worauf Du Dich beziehst (Camus betreffend). Ansonsten scheint mir da viel von außerhalb des Werkes, es selbst zu bewerten – ich kenne das berühmte Camus Foto noch nicht lange…

  6. Hm, hm, hm, hm

    Ich weiß nicht.

    Das ist mir zu unordentlich.

    Vielleicht ist es ja aber auch gerade das.

    Ich meine, vielleicht kann man sich der Sache auch von der Seite nähern, dass man die Unterscheidung zwischen Dichtung und Philsophie nicht als einen – wie soll ich sagen – “Wesensunterschied” nimmt. Vielleicht sollte man da nur Unterschiede des Zugangs sehen. Das ist dann aber natürlich schon gewichtig. Die Philosophie arbeitet immer mit einer analytischen Ebene, das Behandelte wird nicht so belassen, wie es gesehen wird, sondern “befragt”, “hinterfragt”. Ich will jetzt natürlich nicht behaupten das wäre für jede Philsophie so, das trau ich mich nämlich nicht, aber es gibt doch immer einen Vorgang des Begreifens.

    Wohingegen die Dichtung vielleicht alles eher für sich selbst sprechen lässt. Die Dinge sagen natürlich etwas aus, aber sie sagen es für sich und selbst aus. Der Dichter (vielleicht “Autor”) kann seine Inhalte ja nicht einem gewissen Weltzusammenhang entziehen. Das geht nicht soweit, dass er sich auf etwas in der Welt bezieht um es zu verändern oder anzusprechen, aber die strukturellen Zusammenhänge werden irgendwie abgetastet und übernommen. Eine in einem Roman dargestellte “fingierte” Theorie (die ja auch durchaus ihren realen theoretischen Wert haben kann) wird im Roman als Ganzes eben wieder sich selbst überlassen, ohne dass eine theoretische Antwort darauf nötig wäre. Falsche Theorien und richtige Theorien in Romanen stehen nicht darin, um Theorien in der Realität auszuhebeln sondern sie erlauben einen anderen Blickwinkel als der sich am Dualismus “wahl/falsch” abarbeitende wissenschaftliche Blick.

    Da kommen jetzt dann aber wieder Probleme auf mich zu. Es gibt ja nicht wenige – namhafte – Autoren, die irgendwelche wissenschaftlichen Großleistungen und Erkenntnisse als Strukturmodell für ihre Romane verwenden. Wie ist das dort?

    Ich weiß nicht.

  7. Ja, mir Unordentlichkeit vorwerfen, wenn man ein Thema so allgemein aufreißt! Das ist doch eine Sauerei!

  8. Ja okay, du hast Recht, ich wollte nur meine eigene Gehirnleere auf dich abwälzen. Aber trotzdem komm ich nicht dahinter. Das kann doch nicht sein. Vielleicht sollte ich mal zu Paolo Coelho greifen. Was die Jakobswegpilgerfalschpolungsleute können muss ich doch auch können. Außerdem ist mein Einfall sowieso Schrott gewesen, weil da irgendwie nichtmehr erklärbar ist, was miese und zwar wirklich miese Literatur ist. Ich kenne viel miese Literatur. Paolo steht da bestimmt an einem guten Platz.

  9. Ich glaube, was bei Dir vorliegt, ist ein Verlust an Naivität. Goethe z. B. hatte diese Naivität ja noch in einem unvorstellbaren Maße. Der hielt sich ja wirklich für unsterblich, und darum war er’s auch. Auch seine naturwissenschaftlichen Betätigungen, dieses Polemisieren gegen Newton, der einfach RECHT hatte, während er, Goethe, sich in die Hermetik seiner Farbirrlehren flüchtete … großartig. Und das können wir aber nicht sein, so babyhaft-rosig naiv, weil wir ein schlechtes Gewissen haben: Da gab’s doch den Hegel. Der große Hegel, der hat alles so wunderbar auf den Begriff gebracht. Der hat die Arbeit der Begriffe erfunden, immerhin humaner als Kinderarbeit, aber wirklich gut – wirklich gut denn auch nicht. Und seitdem ist’s aus mit Goethe-Maske-Aufsetzen und durch den Garten spazieren. Oder, Pathoblogus? Ist doch alles ein Krampf. Und seitdem klotzt man einfach ein paar Begrifflichkeiten auf den Jakobsweg, und ab geht’s mit reinem intellektuellen Gewissen in die Bestsellerligen. Ich fasele, ja – aber ich bin auch noch nicht besoffen! Goethe hat ja auch viel getrunken, das ist ja bekannt usw.

  10. Also ob das mit der Naivität bei Goethe genau beschrieben ist, das weiß ich nicht. Natürlich die Farbenlehre war reinste “Verblendung”. Aber es gibt von ihm auch genügend Arbeiten zur Biologie und Botanik, zur Kulturgeschichte. Die Winckelmannscheiße und das elendslange Über Kunst und Altertum, das heute ja blöderweise keine Sau mehr liest. In seinen Romanen und fast überall, da gibt es unglaublich glasklare Essays versteckt eingebaut und gedreht in Prosa gesetzt, mit Märchen vermischt und dramatisiert, Verdopplungen, Versteckungen, Philosopheme, Mytheme und Bibelauslegungen, Aphorismen vor denen sich sogar Nietzsche angeschissen hat. Bibelnacherzählungen und Evolutionstheorien, Wirtschaftstheorien und alles blendend blendend blendend

    Wenn er Friseur gewesen wäre, ich hätte mir von ihm die Haare schneiden lassen.

    Goethe naiv? Ja vielleicht aber ebenso Goethe alles andere als naiv, nicht naiv, naiv, nicht naiv.

    Da glaub ich manchmal wieder an den angeblich veralteten Geniebegriff. Wieso gibts das nicht.

    . AAAAAAAaahhhhhhhhhhh, ich halte Goethe in gewisser Hinsicht einfach nicht aus. Ich kanns garnicht beschreiben. Schiller war ja im Vergleich ein Nichtskönner. Politischer Bongo und Möchtegernkantianer. Der hätte Goethe nichtmal die Schuhe polieren können.

    Und da gibts doch ernsthaft Leute, die müssen über die “Bedeutung Goethes” nachdenken oder “Was kann uns Goethe heute noch sagen?” “Kann man Goethe noch lesen?” “Goethe ist veraltet” “Goethe muss wiederbelebt werden”, was sind das alles für unglaublich Nichtskönner und Nichtswisser, Begriffsproleten und gleichzeitig unbegreifliche Unbegriffsproleten. Eine einzige Anmaßung: “Wir müssen Goethe wiederbeleben”, vielleicht “ihn irgendwie schmackhaft machen”, ich kotz mich an.

    • Irgendwie verstehe ich eure Schwierigkeiten nicht: Was den Dichter vom Philosophen trennt, ist, dass ersterer erzählt, und dabei (notwendig) mehrdeutig schreibt, während letzterer es “ernst” meint, und uns sagt wie die Dinge stehen (und das möglichst allgemein und abstrakt). Wenn der Dichter ausschließlich das tut, was der Philosoph macht, dann muss er scheitern, weil er alles subjektiv dargestellte Erleben verlässt. Und umgekehrt: Der Philosoph kann keine deutlich artikulierte, allgemein gültige These mehr aufstellen, wenn er nur mehr Dichter ist (man müsste zu viel suchen, deuten).

      Was (meiner Ansicht nach, aber ob das für Goethe gilt, weiß ich nicht) den Dichterphilosophen ausmacht, ist, dass er die philosophischen Probleme oder Thesen, durch subjektive Mittel so deutlich werden lässt, dass sie ins Auge stechen, trotzdem aber das dargestellte Erleben nicht entwertet. Man kann die Philosophie übersehen, und trotzdem einen guten Roman genossen haben.

      Wenn Schopenhauer schreibt das philosophische Erstaunen ist im Grunde ein bestürztes und ein betrübtes: die Philosophie hebt wie die Overtüre zum Don Juan, mit einem Mollakkord an, so ist er vor dem Doppelpunkt Philosoph und nach ihm Dichter.

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