Alfred Anderschs “Vater eines Mörders” – Sippenhaft?

In seiner bereits in den klassischen Schullektürekanon eingegangenen Erzählung “Vater eines Mörders” beschäftigt sich Alfred Andersch – treffend – mit seiner Schulzeit. Die biographische Erzählung ist aus der Sicht des Gymnasiasten Kien dargestellt, der schon in mehreren anderen Erzählungen die Position Anderschs eingenommen hat, was – das erkennt der Leser dann bei der Lektüre des Nachworts – methodisch motiviert war. Die gesamte Erzählung dreht sich um das Erscheinen des Rektors im Klassenraum während einer Griechischstunde.

Nun wäre so eine Rektoreninspektion noch nichts Besonderes (ich kann mich da selbst noch an überaus einprägsame und gleichartige Situationen erinnern), würde
es sich beim “Rex” nicht um eine Person von – naja, zumindest aus biologischen Zusammenhängen – weltgeschichtlichem Rang handeln. Der “Rex” ist niemand anderes als der überaus strenge Papa von Heinrich Himmler, eben Rektor Himmler. Ehrwürdig dargestellt, bietet uns dieser Himmler das Bild eines rundlichen Mittsechzigers (vielleicht etwas jünger) der in einer Mischung aus blauen Augen, goldumrandeter Brille und grauweißem Haar den Humanismus mit pädagogischem Fußtritt vermengen kann/zu können glaubt. Wirklich eine schillernde Gestalt dieser Rektor. Wären da nicht diese Geschichten mit der Herabwürdigung Untergebener und kleiner Kinder (oder vielleicht gerade deshalb?) und man wäre sehr interessiert an einer Begegnung mit diesem Menschen. Das ist aber vielleicht nur ein voyeuristischer Hang zum Bösen (ist das wirklich böse?). Kien, Anderschs Verkörperung, erlebt die Griechischstunde mit all ihren fesselnden und gleichzeitig abstoßenden, kleinen Gewaltätigkeiten. Erst wird der Griechischlehrer zur Schnecke gemacht. Dann putzt Himmler noch den adeligen Klassenkasper runter ob seines allzu kurzen Familienstammbaums und schließlich wird Kien selbst durch die Mangel gedreht. Als bekennender Karl-May-Leser – da lacht uns doch der liebe Arno Schmidt an, der ein guter Freund Anderschs war, und dem das Buch auch gewidmet ist – erklärt der Schüler dann auch, er sei am Lernen eigentlich garnicht interessiert und wolle einfach Schriftsteller werden. Die Überprüfung der Griechischkenntnisse Kiens durch Himmler gerät zum voraussehbaren Fiasko und endet mit einem Schulverweis – übrigens dem zweiten in dieser Schulstunde. Himmler erklärt dann noch lapidar, man habe Kien den kostenfreien Zugang zum Gymnasium sowieso nur ermöglicht, weil sein Vater Träger des Eisernen Kreuzes 1. Klasse sei. Bei den unglaublich
schlechtne Leistungen die Kien im Griechischunterricht erbracht habe, sei ein weiterer Besuch der Schule aber unangebracht. Das alles klingt unglaublich punktuell, auch wenn man hinter der Erzählung eine psychologische Erklärung für das Enstehen eines Mörders vom Formate Heinrich Himmlers vermutet. Ersteres wäre kleinlich. Zweiteres wäre wohl überzogen! Oder doch nicht? Auf genau diese Frage geht Andersch dann im Nachwort ein. Dass er die Erzählung aus dem Blickwinkel des Schülers Kien geschrieben habe, erklärt er mit der Meinung, dass es aus der Sicht eines Dritten, leichter möglich sei, ein bestimmtes Maß an Objektivität aufrecht zu erhalten. Andersch meint, er könne bei der Beschreibung einer von ihm unterschiedenen Person, bei der Beschriebung aus ihrer Position,  unerbittlicher sein als es ihm möglich wäre, wenn sich seine Darstellung im “Ich” der 1.Person dauernd selbst in die Quere käme. Andersch sieht im Ich eine “tyrannische Form der Beugung des Tätigkeitsworts”. Die geläufigere Erklärung, man würde mit der Darstellung in der 3.Person irgendwie von sich ablenken, weist er also komplett ab.
Die Erklärung, er habe mit der Darstellung von Himmlers Vater keine psychologische Sippenhaft befördern wollen, klingt irgendwie trotzdem nicht ganz glaubwürdig. Wozu denn dann die Erzählung? Hätte dann nicht auch der Umstand ausgereicht, dass ein autoritärer Rektor seine Schüler bestrafte? Wieso hätte dann nicht der Himmler genauso ein Berger sein können, wie ja der Andersch auch ein Kien geworden ist? Der Versuch einer Einordnung in die Weltgeschichte durch psychologische Ursachenforschung bleibt immer im Bewusstsein des Lesers und – das ist für mich nicht abzuweisen – auch des Autors.

Ein Kommentar to “Alfred Anderschs “Vater eines Mörders” – Sippenhaft?”

  1. Eine Person aus der Ich-Perspektive zu zeichnen, bietet einen anderen Zugang zur “subjektiv gefärbten Sicht der Welt” — wenn es um “Kausalitäten”, Entwicklungen, Allwissenheit u.ä. geht, dann ist die dritte Person tatsächlich die bessere, objektivere.

    Vielleicht wollte Andersch die Frage nach der Sippenhaft – sozusagen – in den Raum stellen, aber nicht entscheiden: Könnte es möglich gewesen sein, dass ein bestimmter Typ von Vater entscheidenden Einfluss auf einen bestimmten Typ von Sohn hatte? (so ungefähr jedenfalls).

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